Geistlicher Impuls

Die Kraft des Gebetes
 
Sr. Nicole Grochowina, Ordenshaus
 

„Dem mit dem Krieg hervorbrechenden Leiden fühle ich mich in keiner Weise gewachsen“, hielt der Schriftsteller, Dramaturg und Historiker Reinhold Schneider 1939 fest, als der deutsche Überfall auf Polen kurz bevorstand. Doch Ohnmacht spürte er auch beim Blick auf die Entwicklung mitten in Deutschland: Verdemütigung und Entrechtung durch das Regime erkannte er hier, der Lebenssinn als solcher werde vergewaltigt und nähre eine lebensfeindliche Bitterkeit.
Schon drei Jahre zuvor hatte Schneider ein Sonett geschrieben, das seine Stimmung von 1939 auf den Punkt und in Sprache bringen sollte. Darin fanden aber auch all seine Hoffnungen Platz, dass sich über dem Unbill der Welt das fürbittende Gebet erheben und letztlich Gott sich umso mehr erbarmen würde. Schneider hielt fest:

„Allein den Betern kann es noch gelingen
Das Schwert ob unsern Häuptern aufzuhalten,
und diese Welt den richtenden Gewalten
durch ein geheiligt Leben abzuringen.
 
Denn Täter werden nie den Himmel zwingen:
Was sie vereinen, wird sich wieder spalten,
was sie erneuern, über Nacht veralten,
und was sie stiften, Not und Unheil bringen.
 
Jetzt ist die Zeit, da sich das Heil verbirgt
Und Menschenhochmut auf dem Markte feiert,
indes im Dom die Beter sich verhüllen.
 
Bis Gott aus unsern Opfern Segen wirkt
Und in den Tiefen, die kein Aug‘ entschleiert,
die trocknen Brunnen sich mit Leben füllen.“
(Sonett, 86)

Die Kraft des Gebetes ist nicht selten eine unterschätzte Kraft, weil sie sich zumeist im Verborgenen entfaltet. Und doch ist sie vollmächtig, denn Gott selbst hat die Beter aufgerufen zu beten, auf dass sie erhört werden. Und so ist kein Gebet verloren, sondern eine beständige Kraft, die letztlich – wenn Gott daraus Segen wirkt – auch dem „Schwert“ über den Häuptern und dem Unheil geheiligtes Leben abzuringen vermag. Diese Kraft steckt in dem Gebet, das nicht auf dem Markt gefeiert, sondern zumeist im Dom verhüllt gebetet wird.
Und so ruft das Votum Schneiders zum Vertrauen, denn: „Allein den Betern kann es noch gelingen“, dass sich im Unbill der Welt, in den Herausforderungen des Lebens, im Angesicht des Todes trockene Brunnen mit Wasser füllen, denn auch Gebete schreiben und formen Geschichte. Sie tun dies, indem sie sich hoffend auf den richten, der dafür sorgt, dass die „Täter“ nicht den Himmel zwingen, und der zugleich die Betenden mitten im namenlosen Schrecken an Leib und Seele stärkt. So möge das Gebet zum Leben und das Leben zum Gebet werden – damals wie heute.


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