Schwester Erika Stadelmaier

Bild von Schwester Erika

Ich glaube, ich habe eine Berufung.

  • 1943 Geboren
  • 1970 Eingetreten

Entweder ganz oder gar nicht.

Wo fing es eigentlich an?... Von Kind an. Eine Nachbarin sagte zu meiner Mutter: „Die Eri guckt in den Himmel.“

Das sagte sie, wo alles um mein Leben bangte, weil das Essen nicht bei mir blieb. Ich war noch im Kinderwagen, und meine Mutter hat das für sich so übersetzt, dass ich sterben würde. Später beim Abtrocknen mit meinen zwei jüngeren Schwestern sagte meine Mutter: „Wenn Gott eine von meinen Mädle wollte, ich würde sie geben.“ Ich dachte aber, sie meinte meine nächst jüngere Schwester. Als ich das mal so nachspürte, war ich betroffen von der Aussage. 

Ich hatte viele Freunde, aber keiner passte -  so dass man in der Familie feixte: „Für dich muss man den Ofen einschalten und einen backen.“ Eine Großtante lag immer auf der Lauer: "Wann endlich passiert da was? Auf jeden Fall muss dieser Mann reich sein." 
Als ich das erste Mal als Novizin heimkam, sagte ich zu ihr: „Stell dir vor, mein Mann hat drei Häuser, und zwar große.“ Nun zurück zu dem, wie es dazu kam.
Ich hatte gerade eine Beziehung beendet und eine neue angefangen, da saß ich plötzlich zwischen zwei Männern im Theater-  es war ungemütlich… Diese letzte Beziehung: Wir hatten uns verlobt. Das Drama war, er war katholisch. Meine Träume waren immer in zwei Abteilungen (katholisch und evangelisch) in der Kirche, und nur ich konnte diese Brücke überwinden. Mein Schwager sagte: „Eri, du kannst nicht einfach das evangelische in das katholische Jäckle wechseln.“ Es war ein großes Drama, und ich beendete die Verlobung. 

In der Zeit arbeitete ich als Krankenschwester auf der Intensivstation- es war sehr anstrengend. Meine Kolleginnen machten Witze über mein Single- Sein. „Hast du Torschusspanik?“ Das hatte ich auf jeden Fall nicht. Ich zog um nach Stuttgart und kam zum „Offenen Abend“. Am ersten Abend war Walter Hümmer, am zweiten Hanna Hümmer Referentin. 
In dieser Zeit gab es viele verlockende Angebote für Berufe: Schulschwester in drei verschiedenen Städten. Da fuhr ich zum dritten Angebot hin und schaute mir das an. Dann nahm ich mir auf der Heimfahrt das Buch raus, auf das wir uns für die Arbeitsbesprechung im Offenen Abend vorbereiten sollten. Da las ich diesen Satz: „Wegen der Karriere verlässt man die Gemeinschaft nicht.“ 

In diesem Jahr war vom Offenen Abend eine Freizeit in Selbitz geplant. Ich meldete mich an. Es war sehr schön und die Stille intensiv. Von da aus machte ich  einen Ausflug nach Prag mit einem Zwischenstopp in Ledine. Einige vom Offenen Abend meldeten sich gleich in Selbitz an für ein diakonisches Jahr. Bei mir kam das erst zu Hause. Ich habe meine ganzen Versicherungen gekündigt und mich für ein diakonisches Jahr angemeldet. Es war mir sehr mulmig zumute. Aber im Grunde wusste ich: Es ist richtig. Denn meine Frage, was Gott mit meinem Leben vorhatte, war ernsthaft: „Entweder ganz oder gar nicht.“ Zwei Bibelstellen waren wichtig für mich. Einmal die Opferung von Isaak und außerdem die Geschichte von der Salbung zu Bethanien. Am 7. Januar 1970 fuhr ich mit einer Gruppe aus dem Offenen Abend nach Selbitz. Meine Schwester Christa warnte mich, mich nicht von den Wortkärtchen auf dem Kopfkissen beeinflussen zu lassen. Auf meinem stand: „Niemand soll sich unterstehen, dir zu schaden.“ 

Hanna Hümmer lud uns zur Mitarbeiterfreizeit ein, die sie halten würde. Am Abend noch setzte ich mich hin. Davor hatte sie gerade über die Salbung zu Bethanien gepredigt. Ich schrieb auf, auf was ich alles verzichten will. Danach traf mich eine starke Anrede von Gott; ich habe es richtig gehört, innen: „Du sollst Schwester werden“. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich schoss  angezogen ins Bett und fing an zu denken. Dann holte ich mir die neu übersetzte Bibel Jörg Zink hervor und dachte darüber nach, vom Anfang des Matthäus Evangeliums an. Ich kam bis zum 4. Kapitel, wo Jesus die Jünger beruft. – Also, es hat sich nichts an dieser Berufung durch dieses innerlich gehörte Wort geändert.

Meine Großmutter erzählt mir oft, dass sie in Lebensgefahr so eine „Anrede“ empfing und danach handelte und unversehrt blieb. Bei mir war das am 26. Februar 1970 der Fall. Ich fing an, Schwestern zu fragen, wie das bei ihnen so zuging. „Hat nix mit mir zu tun“, bemerkte ich und baute mir innerlich Mut auf, um es Hanna Hümmer so zu sagen. Wenn Gott was von mir möchte, hätte ich das persönlich von ihm gewusst. Schwestern erzählten mir, dass man da oft lange auf einen Termin warten muss. 

Das war mir recht. In dieser Zeit war ich im 11 Uhr Gebet, und beim Rausgehen sagte ich  Hanna Hümmer, dass ich sie gerne mal sprechen möchte. „Kommen Sie gleich mit. Ich habe Zeit.“ – Peng! Ich habe lange innerlich gerungen, mein Anliegen zu äußern. „Ich glaube, ich habe eine Berufung.“ – „Das wissen Sie und ich.“ „Das Schlimme ist, dass ich immer auf diesem Berg bleiben muss.“ (Ich war in dieser Zeit so viel weltweit unterwegs wie nie vorher, und ich war viel unterwegs.) – „Das müssen Sie schon entscheiden.“ 
Jetzt komme ich hierher und frage Gott, was er mit meinem Leben vorhat, und er sagt es mir persönlich. Und gleich habe ich mich zu einem Ja entschlossen. Ich sollte gleich mit ihr am Mittagstisch sitzen. - Das geht nicht, die Diakonischen Helfer fallen in Ohnmacht!, dachte ich. Aber gleichzeitig spürte ich, wie eine große Freude über mich kam. 

Zuhause anrufen war nicht so leicht. Meine Schwester sagte: „Dass du Schwester geworden bist, ist nicht schlimm – aber so weit weg!“ Mein Vater bekam einen Schlaganfall und schickte meine Mutter, um die Sache zu überprüfen, dass meine große Schwester mich nicht zu irgendetwas überredet hat. 
Nach 35 Jahren in der Christusbruderschaft haben meine Freunde aus der Kirchengemeinde übrigens immer noch damit gerechnet, dass ich zurückkomme.