Ich sitze in unserer Ordenshauskapelle und versenke mich in das Altarbild. Der Strom, wiegend in kleinen Wellenbewegungen, nimmt mich mit. Ich bin mitten in dem, was kommt. Gehe mit dem Bild in die Unendlichkeit.Da höre ich von fern eine Stimme, die spricht: „Siehe, ich mache alles neu.“ Ein Wort aus alter Zeit, das mich jetzt erreicht. Vom Thron Gottes her gesprochen, verhallt es nicht. Die Stimme verbindet Vergangenheit und Gegenwart mit der Zukunft. Es ist, als ob für einen kleinen Moment ein Vorhang aufgeht: „Siehe!“
Ich sehe:
Der Schmerz, der beim Blick in das Dunkel eines Grabes übermannt, verwandelt sich. In jubelnde Freude.
Tränen, gesammelt, randvoll, überfließend in Krüge, werden sprudelnde Quelle.
Das Stöhnen aller Kreatur, sei es Mensch oder Natur, atmet auf.
Der Vorhang schließt sich.
Ich sitze in der Kapelle meines Alltags. Höre mühsamen Gesang. Überlege, was zu tun ist, damit wir den Alltag bewältigen. Ordne mich für den kleinen nächsten Schritt. „Siehe, ich mache alles neu.“
Mein Blick ist gehalten. Superlative sind immer schwierig: Alles? Das tut uns doch nicht gut. Wir sind froh, wenn wir eine, zwei oder drei neue Dinge bewältigen. Und dann möge alles bitte seinen alten, geordneten Gang gehen!
Zwei Welten begegnen mir, wenn ich die Jahreslosung meditiere: Die Realität und die Vision. Wie bringe ich sie zusammen?
Die Verbindung von beidem möchte ich in zwei Begriffen beschreiben: Die Vision, die uns in Offenbarung 21 übermittelt wird, gibt Perspektive: Das, womit wir uns im Hier und Jetzt abkämpfen ist noch nicht alles. Gottes „Alles“ sieht anders, hat Weite, Raum und Potential. Schaffenskraft und Kreativität. Die Grenze der Endlichkeit wird weich, Schmerz und Leid transzendiert. Die Vision sucht in der alltäglichen Lebensrealität nach Kooperation: Was, wenn ich nicht nur bis zu meinen Zehenspitzen sehe, sondern noch eins weiter? Und Gott helfe, das Neue zu gestalten?
Ich kann leider weder den Tod überwinden noch das neue Jerusalem bauen, aber: Ich kann die Hoffnung am Leben erhalten. Mit Lebenslust und Gestaltungskraft mir und anderen die Erfahrung gönnen: Es gibt nicht nur das irdische Neu, das morgen überholt ist. Veränderung, die Menschen überrollt, ist nicht alles. Es gibt eine qualitätsvolles Neu, das Sehnsucht entfacht und Menschen ins Nachdenken bringt. Es hinterfragt. Es macht aus schwarz-weiß Schattierungen. Es sucht Beziehung statt Abgrenzung. Ermutigung zum Perspektivwechsel und Kooperation finde ich in den stillen Momenten in der Kapelle, in der Natur und anderswo, in der ich mich ins innere Sehen fallen lassen kann. Und Gottes Vision in mir Keimkraft entwickelt.
Gott spricht: „Siehe, ich mache alles neu.“
Wo entfalten sich 2026 Räume und Wege, Gottes Vision in Hoffnungskraft zu verwandeln?
Sr. Elise Stawenow