Mein Schatten steht mir im Weg

„Mein Schatten steht mir im Weg –
ich muss über ihn hinwegspringen.“
Rose Ausländer

Nun besuche ich sie wieder.
Ich fahre anders als sonst meine Strecke nach Hildesheim.
Ich mache einen Umweg für sie –
und ich tue ihn gern.
Ein Herzensweg.

Ein Umweg – 
oder vielleicht doch der eigentliche Weg?

Es ist mein erster Besuch in diesem Jahr 2026.
Ein neues Jahr – und doch ist vieles noch schwer.

Auf ihrem Tisch steht noch immer der besondere Adventskalender, den ich ihr geschenkt habe.
Gefüllt mit Gedichten und Versen von Menschen, die das Leben in seiner Tiefe durchlitten 
und ihm dennoch Worte der Hoffnung abgerungen haben.

Jeden Morgen liest ihr eine Schwester aus der Pflege ein Türchen vor.
Früher hätte sie das selbst getan.
Doch sie ist fast blind.
Ihr Sehnerv stirbt immer mehr ab,
und sie ist nun auf Hilfe angewiesen.

Das fällt ihr schwer.
Sehr schwer.
Sie, die ihr Leben lang alles selbst getragen, entschieden, bewältigt hat –
nach dem viel zu frühen Tod ihres Mannes,
mit Haus und Hof
und mit vier Kindern.

Ich frage sie,
ob es einen Text gab, der sie besonders berührt hat, der ihr 
nahegegangen ist.

Da kommen ihr die Tränen.

Für einen Moment ist es still.
Eine Stille, in der man etwas spürt:
Ohnmacht.

Ich nehme ihre Hände, streichle sie ganz zart, ohne Worte.
Denn die Worte sind gerade schon gefallen.
Ohnmacht liegt in der Luft.

„Hanna“, sage ich nur
und halte ihre vom Alter gezeichneten Hände.

Seit fast einem Jahr lebt sie hier – im Pflegeheim.
Und doch kann sie nicht ankommen.
Ihr Zuhause fehlt ihr so sehr.
Sie kann es nicht akzeptieren,
nicht loslassen,
das neue Leben nicht annehmen.

Ohnmacht.
Ihre.
Meine.
Ich begleite sie –
und spüre dabei meine eigene Ohnmacht.

In Gedanken bete ich:
Herr, hilf mir.
Schenke mir die Worte, die es jetzt braucht.

Und dann sind sie da.
Nicht aus mir.
Sondern mir zugesprochen.

Vielleicht ist es kein Zufall,
dass uns gerade zu Beginn dieses Jahres eine solche Jahreslosung
begleitet.
Eine, die nicht über das Schwere hinweggeht, sondern 
mitten hinein-
spricht.

Gottes Wort in der Ohnmacht

„Siehe, ich mache alles neu!“
                                                    Offenbarung 21,5
Diese Worte sind ein Trost.
Gerade jetzt.
Gerade in diesem Jahr.

Sie fallen nicht leichtfertig.
Sie werden gesprochen in eine Welt
voller Abschiede,
voller Verluste,
voller Schatten.

Gott sagt nicht: Es ist nicht schwer.
Er sagt nicht: Du musst nur loslassen.
Er sagt: Ich mache neu.

Das ist eine Zusage –
auch für Hanna.
Und für mich.
Für jeden Menschen.
Und besonders für alle, die vielleicht selbst an einem Punkt stehen, an dem nichts leicht ist.

Neu heißt nicht, alles Alte zu vergessen.
Neu heißt: gehalten sein,
auch wenn man den nächsten Schritt noch nicht gehen kann.

Vielleicht ist der Schatten, von dem Rose Ausländer spricht, genau
diese Ohnmacht.
Sie steht im Weg.
Groß.
Schwer.

Und doch ist sie nur da,
weil Licht da ist.

„Ich muss nur drüber springen“ –
nicht aus eigener Kraft,
sondern im Vertrauen darauf,
dass Gott das Neue schafft,
wo wir es selbst nicht können.

Diese Jahreslosung möchte Mut machen.
Nicht zu schnellen Lösungen.
Aber zu Vertrauen.
Zu einem leisen Weitergehen.
Zu dem Glauben,
dass Gott auch dort wirkt,
wo wir nichts mehr in der Hand haben.

So ist mir auch bewusst geworden,
dass der Glaube manchmal nicht darin besteht,
stark zu sein
oder Antworten zu haben.

Manchmal besteht er darin,
Hände zu halten,
still zu sein
und Gottes Wort Raum zu geben.

„Siehe, ich mache alles neu.“

Ein Wort des Trostes.
Ein Wort des Mutes.

Für Hanna.
Für mich.
Für dich.

Auch hier.
Auch jetzt.
Auch in unserer Ohnmacht.

 

Manuela Köhler, Tertiärschwester